Reisebericht Orissa | Sonnentempel von Konark

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Reisebericht Orissa | Sonnentempel von Konark

Orissa | Sonnentempel von Konark

Orissa, Konark, Sonnentempel
 

 

 
Reisetyp: Individualreise
Reisebericht aus dem Jahr: 1996/97
Altersgruppe des Autors: 45-60 Jahre
 

 
Konarkdie Wurzeln der hinduistischen Erotik in uralten Stammesritualen
oder: Schweinkram auf Rädern?

Als Europäer nach Indien reisen, die "deftigen" Skulpturen an immerhin heiligen Gotteshäusern zu sehen und gleichzeitig eine Gesellschaft vorzufinden, die in viktorianisch-wilhelminischer Prüderie verhaftet scheint – das muß besonders uns unvereinbar erscheinen und zu Fehlschlüssen führen. Das sieht man in der Literatur des Westens, wenn namhafte Indologen wie Dr. Robert Strasser angesichts der freizügigen Darstellungen an indischen Tempeln den verwegenen Schluß ziehen. "...die Inder müssen damals ein sehr sinnenfrohes Leben geführt haben..."
 

Da sich aber die Schreiberlinge in ihrer Sichtweise ständig widersprechen – und ich schließe mich da ein und widerspreche eifrig – ist man geneigt, nur die Veröffentlichungen gutzuheißen, mit denen man sich und seine persönlichen Eindrücke am besten befreunden kann.

So sind meine unmaßgeblichen Betrachtungen zwar in zwei Jahrzehnten enger Kontakte zu indischen Familien und unzähligen Gesprächen mit achtbaren indischen Kapazitäten gewachsen – doch sie bleiben trotzdem verklärt im subjektiven Blickwinkel eines europäisch geprägten Menschen.

Die Limitierung der Fruchtbarkeit war seit jeher das Ziel moslemischer und christlicher Religionsstifter. Und wir sind in einem solchen Kulturkreis gewachsen.

 

Orissa: Sonnentempel von Kornak
Orissa: Sonnentempel von Kornak

 
Daß seit der sexuellen Befreiung in den 1960ern der aufgeklärte Bürger nun fortschrittlich betont, 'das sei doch ganz natürlich', ändert immer noch nichts an der Tatsache, daß bei uns die Sexualität immer noch in der Schmuddelszene fragwürdiger Magazine, übelriechender Kinos und 'da-geh-ich-doch-nicht-hin'-Vierteln zu Hause ist. Zumal die sog. "Befreiung" mit Sicherheit in die falsche Richtung ging, weil sie Sinnlichkeit und Fortpflanzung zu stark trennt.

Limitierung der Fruchtbarkeit, das bedeutete im Abendland seit über 2000 Jahren eine Hochsetzung des Heiratsalters, die Verdammung außerehelicher Sexualkontakte und erst recht das Fegefeuer für ledige Mütter und ihre "Bastarde". All das verankert von Beginn an in den 10 Geboten.
 

Orissa: Sonnentempel von Kornak (Detail-Foto)
Sonnentempel von Kornak (Detail-Foto)
 

 
Geprägt von solcher Schule ist unser selektives Wahrnehmungsvermögen bei der Betrachtung hinduistischer Sexualsymbolik, und wir fühlen uns angesichts der deftigen Darstellungen an den Tempelfriesen aufgerufen, unsere Reisegefährten anzustubsen und zu sagen: "was für eine Ferkelei!" und ich bin ebenfalls in fröhlicher Urlaubseuphorie mal bei zweideutigen Anspielungen ertappt worden: "Der Turnvater Jahn wäre sicher stolz auf uns, wenn wir solches fehlerfrei auf die Matte bringen...!"

Bei meinen Betrachtungen kann ich mich von den Maßstäben des Okzidents also auch schwer lösen. Angriff ist für mich somit die beste Verteidigung gegen christliche Sichtweisen. Über allem soll aber der Respekt gegenüber unseren christlichen Lehren stehen. Die Limitierung des Bevölkerungswachstums hatte in den Regionen, in denen sie gelehrt wurde, schließlich praktischen Sinn.

So besehen verstehe ich auch die Fruchtbarkeitsstimulierung in den Mythologien, die in lebensfeindlichen Regionen der Erde gewachsen sind. Über Tausende von Jahren war es angesichts hoher Säuglingssterblichkeit, Seuchen und Dschungelgefahren wichtig, möglichst viele Kinder zu haben – also gab es Kinderheirat, Polygamie und bis heute berühren Frauen mit Kinderwunsch den Lingam, das zentrale Heiligtum des Tempels, um die göttliche Potenz und Fruchtbarkeit aufzunehmen. Der Lingam – das wissen die meisten – ist der Phallus des Shiva. Nicht alle aber wissen, daß dieser Phallus in der trad. Darstellung in der Yoni (Vagina) der Parvathi steckt. Eine Symbolik, die nichts mit Lust zu tun hat, sondern den Moment der gelösten Schwerelosigkeit nach der Ejakulation zeigen will – also den Vollzug des göttlichen Schöpfungsaktes.
 

Orissa: Sonnentempel von Kornak (Detail-Foto)
Sonnentempel von Kornak (Detail-Foto)

Orissa: Sonnentempel von Kornak (Detail-Foto)
Sonnentempel von Kornak (Detail-Foto)

Ich respektiere nicht nur, sondern bewundere auch die vom puritanischen Klerus unverschmutzte Auffassung der Hindus, daß überall da das Göttliche präsent ist, wo Natur mit Natur verschmilzt und neue Lebensenergien schafft. Das ist beim Essen und Trinken so, wie auch beim Sex – was wir ja wohl im "Normalfall" auch nach neuneinhalb Wochen noch fein säuberlich getrennt wissen möchten.

Wenn die Tempel ihren Gläubigen seit Tausenden von Jahren Geschichten aus dem Leben der Götter erzählen, so gehört wie selbstverständlich auch die kreative Vielfalt ihrer Sexualität als Symbol des Schöpfungsaktes dazu.

Erotische Szenen finden sich an fast jedem Tempel, den wir von Nord bis Süd in den letzten Jahren besuchten – das Zentrum dieser Kunst scheint jedoch in den Regionen des heutigen Madhya Pradesh und Orissa zu liegen. In Madhya Pradesh wurden die Tempel von Khajuraho zum Symbol des Kama Sutra – zu Unrecht übrigens, denn die erotischen Friese machen nicht einmal 10% der Darstellungen aus, und am Sonnentempel von Konark in Orissa sieht man fast ebensoviel. Vielleicht ist er nur nicht ganz so gut erhalten, denn islamische Eroberer haben auch ihre Auffassung deutlich gemacht, daß man von Gott kein Abbild machen soll – und mit Schwertern und Streitäxten viele Figuren zerstört oder zumindest die Gesichter abgeschlagen.

Interessant ist, daß die Wurzeln dieser Denkweise in den Stammessitten und Ritualen zu finden sind, die um ein Vielfaches älter sind und erst vor etwa 2.500 Jahren in den Veden mit der hinduistischen Lehre verschmolzen.

Der Soziologe Verrier Elwin ist in den 40er Jahren mehrere Monate lang Gast eines Stammes in Indien gewesen, den die 'zivilisierten' Inder für primitiv halten, von dem aber ganz im Gegenteil angenommen werden darf, daß er eine Vorhut der Intelligenz verkörpert. Dieses Volk heißt in Madya Pradesh Muria - in Orissa sind es die Bonda. Ihr ganzes Gesellschaftssystem ist um eine Sexualmoral errich­tet, die das genaue Gegenteil der unsrigen ist. Eine Moral, die nicht verbietet, sondern aufbaut. Der Eckstein ihres Erzie­hungssystems ist ein Gesellschaftsschlafraum, in dem die Kinder 2 beiderlei Geschlechts vom zartesten Alter an zugelassen werden, um hier die Kunst der Liebe zu erlernen. Die Institution heißt Ghotul.

 
Dort werden die kleinen Mädchen von den großen Jungen und die kleinen Jungen von den großen Mädchen lange vor der Pubertät in die körperliche Liebe eingeführt und zwar keineswegs auf instinktive oder tierähnliche Weise: die erotischen Techniken, die ihnen hier beigebracht werden, haben nach zehn Jahrhunderten der praktischen Ausübung, wie es scheint, einen unvergleichlichen Grad des Raffinements er­reicht. Dieses Praktikum, das jedes Kind mehrere Jahre lang zu absolvieren hat, dient gleichzeitig zu seiner künstlerischen Aus­bildung, da die Schüler des Ghotul ihre Mußestunden - zwi­schen zwei Umarmungen - damit verbringen, die Wände ihres Schlafsaals auszuschmücken.

Die Inspiration zu den Zeichnungen, Malereien und Plastiken holen sie sich stets aus der Erotik. Elwin erzählt, sie seien so vollkommen, daß es nicht mög­lich sei, eine derartige Galerie zu betrachten, ohne sogleich von den lebhaftesten Empfindungen bestürmt zu werden. Und wenn man den kleinen Mädchen und jungen von elf Jahren zusieht, wie sie, ohne sich dabei zu verstecken, in völliger Un­gezwungenheit bei weit geöffneten Türen und unter den stolz­erfüllten Augen ihrer Eltern in Nachahmung der kühnsten Figuren dieses erotischen Museums lebende Bilder darstellen, für die sie in Europa geradewegs in eine Besserungsanstalt ver­bracht würden, nicht ohne zuvor die Skandalseite und damit die Kasse der wohlanständigen Zeitungen gefüllt zu haben, dann kann man sich des Gedankens nicht erwehren, daß diese Bonda nicht tausend Jahre im Rückstand leben, sondern eher einen Vorsprung von tausend Jahren haben.
 

Orissa: Sonnentempel von Kornak (Detail-Foto)
Sonnentempel von Kornak (Detail-Foto)

Das Erstaunlichste dabei ist, daß diese (praktisch eroti­schen Aufgaben), die allen Kindern des Stammes aufgegeben werden, nicht etwa Auswirkungen eines Sittenverfalls oder einer moralischen Blindheit sind, an denen diese Rasse von Ge­burt an leiden würde, sondern sehr wohl eines Systems, einer ausgearbeiteten und strengen Regel. Da ist keine Zügellosigkeit, sondern Ethik. Die Gemeinschaftsdisziplin des Ghotul ist sehr streng, und die ältesten sind für die Jüngeren verantwortlich. Das 'Gesetz' untersagt bei ihnen mit aller Strenge jede dauer­hafte Bindung zwischen Knabe und Mädchen.

Niemand hat das Recht, von irgendeinem Mädchen zu sagen, es sei das seine, und wer mit einem der Mädchen mehr als drei Nächte hintereinander verbringt, wird bestraft. Alles ist darauf abgestellt, die intensiven Bindungen, die sich in die Länge ziehen, zu verhindern und Eifer­sucht gar nicht erst entstehen zu lassen. Alle gehören allen.

 
Läßt ein Junge einem Mädchen gegenüber einen Eigentums- und Aus­schließlichkeitsinstinkt erkennen, verzerren sich seine Gesichts­züge, wenn er sie den Geschlechtsakt mit einem anderen vollzie­hen sieht, dann übernimmt es die Gemeinschaft, ihn wieder auf den rechten Weg zu führen, indem sie ihm hilft, seine Natur zu bezähmen.

Er muß sich nämlich dann selbst dafür verwenden, daß das Mädchen, das er liebt, von allen anderen jungen Männern besessen wird. Mit seiner eigenen Hand muß er die Manneskraft seiner Gefährten in sie einführen, bis er gelernt hat, darunter nicht nur nicht mehr zu leiden, sondern es herbeizusehnen und sich darüber zu freuen.
 

Bernd Symons
Bernd Symons

Bernd Symons, Betriebswirt aus dem Rheinland, machte nach seiner Heirat mit einer Inderin aus Kerala Mitte der 80er Jahre sein Hobby zum Nebenberuf.

Nach seiner "Kerala-Discovery"-Philosophie erlebt der Urlauber eine erlebnisaktive Begegnung mit dem faszinierenden Süden und Norden Indiens. Unser Teilnehmerlimit verhindert den Ausbau einer touristischen Infrastruktur in den besuchten Dörfern. Du findest also wie unsere bisherigen Gäste "Dein" ganz privates Indien noch ursprünglich vor.

weitere Reise-Informationen hierzu:
http://www.kerala-discovery.de/

Kontakt: Kerala-Discovery@t-online.de

© Copyright für Artikel und Bilder liegen beim Autor

 

 

Das größte Verbrechen bei den Bonda ist die Eifer­sucht, nicht der Diebstahl, nicht der Mord - derlei gibt es nicht. Auf diese Weise sammeln Mädchen und Jungen einzig­artige sexuelle Erfahrungen. Sie gehören einem anderen Zeitalter an: Sie kennen nicht das Mißtrauen und die Verzweiflung unserer Zivilisation. Sie leben auf der Seite des Glücks.

Die Sitten der Tribals sind jedoch nicht einheitlich. Bei einigen Bondastämmen sind die Ghotuls, die Jugendhäuser, sogar nach Geschlechtern getrennt, und die Jungen des einen Dorfes besuchen regelmäßig die Mädchenhäuser der Nachbardörfer, wo sie wiederum der freien Liebe frönen.

Auch scheint das Gesetz gegen die Dauerhaftigkeit einer Bindung nur so lange zu gelten, bis die Jugendlichen ihren Ghotul verlassen. Dies geschieht, wenn eines der Mädchen schwanger wird. Bei aller Freizügigkeit sind sie stets sicher, wer der Vater ihrer Leibesfrucht ist - beide verlassen den Ghotul und gründen eine Familie.

Bernd Symons

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